Die Wohnraumoffensive: Eine zum Scheitern verurteilte Rettung?

09.07.18 • Lesezeit: 3:40 Minuten

Die geplante Wohnraumoffensive der Großen Koalition ist in vollem Gange. Nach Aussage der Kanzlerin seien die angepeilten 1,5 Millionen neuen Wohnung dringend notwendig, doch wie realistische ist die Wohnraumoffensive tatsächlich? Reichen die vorgeschlagenen Mittel, um den Problemen Abhilfe zu schaffen?

Wohnraumoffensive

1. Die Wohnraumoffensive – Zu schön, um wahr zu sein?

Nach Aussage der Bundeskanzlerin, seien die im Rahmen der Wohnraumoffensive geplanten 1,5 Millionen neuen Wohnungen und Eigenheime eine „dringende Notwendigkeit“.¹

Die dafür vorgesehenen 6 Milliarden Euro sollen dafür sorgen, dass Familien nicht länger zwischen dem Wohneigentum und dem Nachwuchs zu entscheiden haben. Neben der finanziellen Unterstützung, die der Immobilienmarkt erfährt, sollen das Baukindergeld und vergünstigtes Bauland, welches allerdings nur für vereinzelte Kommunen gelten soll, dafür sorgen, dass die gesetzten Ziele erreicht werden. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Baukindergeld, weitere Reformen betreffen die Grunderwerbssteuer sowie wie die Grundsteuer.

Info

Das Baukindergeld

Das neu konzipierte Baukindergeld sieht vor, dass Familien, die zum ersten Mal ein Haus bauen, dabei finanziell unterstützt werden. Voraussetzung hierfür ist, dass sie die erbaute Immobilie selbst bewohnen und die Eltern nicht mehr als 75.000 Euro brutto im Jahr verdienen. Diese Gehaltsobergrenze erhöht sich um 15.000 Euro mit jedem weiteren Kind.

Der dann entstehende Zuschuss beläuft sich auf insgesamt 12.000 Euro pro Kind, verteilt über zehn Jahre. Sprich 1.200 Euro im Jahr. Dieser Zuschuss soll dazu dienen, die Kreditraten zu senken oder als Sondertilgungsmaßnahmen in ein Darlehen einzufließen.

Das Vorhaben der Kanzlerin scheint wichtige Punkte anzusprechen. Auf dem derzeitigen Immobilienmarkt ist jede Hilfe für Mieter und potenzielle Initiatoren eines Neubaus gern gesehen. Experten bemängeln jedoch die Wirtschaftlichkeit und zweifeln daran, dass das Modell so durchgeführt werden kann:

2. Die Reaktionen auf die Wohnoffensive

Die ersten kritischen Antworten haben nicht lange auf sich warten lassen. Trotz aktuell niedriger Bauzinsen bauen die Deutschen wenig, Wohnbauexperten hielten die angestrebte Zahl von 1,5 Millionen Neubauten für „illusorisch“. Michael Voigtländer, Leiter des Kompetenzfeldes Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln sprach von einer „Herkulesaufgabe“, welche durch die ambitionierten Ziele der Kanzlerin schwer realisierbar geworden sei.²

Voigtländer belegt seine Kritik mit Zahlen: Nicht nur, dass nach neusten Schätzungen der Bedarf an Wohnungen auf über 1.000.000 gewachsen sei, Deutschland schaffe es nicht einmal 300.000 Wohnungen im Jahr zu errichten. Nach dem Programm der Großen Koalition wären in den nächsten Jahren durchschnittlich 375.000 nötig, um das angestrebte Ziel zu erreichen.²

Andreas Ibel, Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), zeigte sich ebenfalls kritisch. Er bezweifelt, dass die monetären Anreize, die die Große Koalition geben möchte, um junge Familien zum Hausbau zu aktivieren, alleine nicht ausreichen.³

Zwar räumte er ein, dass die Zielsetzung eine durchaus Richtige sei, doch gab er zu bedenken, dass die Parteien sich bei deren „Verwirklichung selbst ein Bein stellen“. Das liegt nach Aussage Ibels daran, dass der „Regulierungsdschungel“ noch immer ein riesiges Hindernis darstellt. Auch das geplante Baukindergeld hielt er für zu kurzsichtig und forderte stattdessen eine Senkung der Grunderwerbssteuer und anderer Baunebenkosten.

Auch die Grünen übten Kritik: Chris Kühn, Mietrechtsexperte der Grünen, klagte die Große Koalition an. Sie ducke sich weg vor der Frage, wie langfristig kostengünstiger Wohnraum zu schaffen sei. Dafür befasse sie sich zu sehr mit den Symptomen des Problems, anstelle der Ursachen.

3. Ist die Wohnraumoffensive möglich?

Der Gegenwind, den die Große Koalition bei der Präsentation ihres Plans erfuhr, war deutlich. Experten verschiedener Parteien äußerten sich entweder gegen Teile oder gar gegen die Gesamtheit des Modells.

Die Kanzlerin verfolgt mit ihrem Vorschlag ambitionierte Ziele. Unabhängig davon, wie realistisch es ist, dass ihre Vorschläge in Gänze von der Opposition angenommen werden, ist der Wunsch nach Verbesserung deutlich erkennbar. In den kommenden Wochen und Monaten wird noch eine Menge verhandelt werden müssen, was vor allem dem starken Gegenwind geschuldet ist, den die Wohnraumoffensive erfuhr.

Derzeit sind noch zu vielen Fragen unbeantwortet, um eine Prognose abzugeben, was passieren wird: Sind die sechs Milliarden Euro genug Kapital, um die Pläne umzusetzen? Sind die geplanten Offensiven die Richtigen, um die Probleme zu beseitigen? Es bleibt abzuwarten, wie genau die Wohnraumoffensive aussehen wird, fest steht nur, dass sie auf dem Weg ist.


¹ Vgl. T-Online Nachrichten

² Vgl. Handelsblatt

³ Vgl. Mietrechtsreform

Bildquelle: iStock.com/jamesbray


Auch interessant

Jetzt Immobilienwert ermitteln