Landflucht war gestern - Kommt jetzt die Stadtflucht?

Letztes Update: 27.10.2021

Das große Bevölkerungswachstum in den Städten scheint gestoppt.

Keine Motorengeräusche der Rush Hour, keine überfüllten Geschäfte - stattdessen frische Luft, singende Vögel und spielende Kinder im Garten. Hat sich der Trend von der Landflucht mittlerweile umgekehrt? Ist das Land wieder Sehnsuchtsort der Deutschen geworden?

Lange Zeit haben wir immer wieder von dem Thema Landflucht gelesen, denn jahrzehntelang sind die deutschen Großstädte größer geworden. Bereits seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wachsen die Städte der Bundesrepublik. Der Boom der Industrie zog zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen aus den ländlichen Regionen in die Ballungszentren. Auf dem Land hingegen gab es häufig kaum Fortschritt und keine Perspektiven. Dieser Trend der Landflucht hielt lange Zeit an, sodass mehr als 75 Prozent der deutschen Bevölkerung heute in den Ballungszentren leben und rund 30 Prozent davon allein in den Großstädten. Doch eben genau dieser Trend könnte sich nun umkehren. Wird aus der Landflucht eine Stadtflucht?

Das erste Mal seit 30 Jahren werden in zahlreichen Städten mehr Abwanderungen als Zuwanderungen verzeichnet. Das Bevölkerungswachstum in den Metropolen, wie Berlin oder Hamburg, verlangsamt sich. Doch was hat diese mögliche Trendumkehr ausgelöst? In diesem Artikel gehen wir den Ursachen der zunehmenden Stadtflucht in Deutschland auf den Grund und klären auf, welche Unterschiede sich zwischen dem Leben in der Stadt und dem auf dem Land auftun.

Hat die Corona-Pandemie ein Umdenken bewirkt?

Eingesperrt in der eigenen Wohnung während des Corona-Lockdowns wuchs die Sehnsucht nach Grün und Natur. Insbesondere Familien mit Kinder sehnten sich zunehmend nach den Vorzügen, die das Landleben während dieser schwierigen Zeit mit sich brachte. Genau deshalb könnte sich Studien zufolge der Trend der Landflucht durch die Corona-Pandemie umgekehrt haben. Die Corona-Pandemie hat sicher für die meisten von uns gravierende Auswirkungen gehabt, sei es im Privatleben oder im Beruf. Ein Großteil der Bevölkerung sah sich mit völlig neuen Lebensbedingungen konfrontiert: Vermeintliche Vorteile der Stadt durch ein umfangreiches Freizeit- und Kulturangebot fielen weg. Die Arbeit wurde in vielen Bereichen in das Home Office verlegt. Insgesamt verbrachten wir alle mehr Zeit in den eigenen vier Wänden und dies hat insbesondere für Familien, die in Wohnungen leben, die vermeintlichen Vorteile der Stadt während des Lockdowns zu großen Nachteilen werden lassen. Die Ursachen für eine mögliche Trendumkehr sind allerdings deutlich weitreichender. So haben die Immobilienpreise in den meisten Ballungszentren in den letzten Jahren erheblich angezogen, was das Leben in der Stadt für viele mittlerweile unbezahlbar macht.

Der Corona-Lockdown hat die Sehnsucht nach Natur und Grün wachsen lassen.

Was ist Stadtflucht?

Stadtflucht, auch bekannt als Suburbanisierung, ist das Phänomen der Abwanderung der städtischen Bevölkerung in das städtische Umland und in ländliche Regionen. Eine der Hauptursachen für Bevölkerungssuburbanisierung ist die Verbesserung der Lebensqualität, die sich viele mit dem Umzug auf das Land oder in die Speckgürtel erhoffen. Das Phänomen der Stadtflucht hat weitreichende Folgen und Auswirkungen sowohl für die Stadt als auch für die ländlichen Regionen hinsichtlich Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaft und Umwelt, wie wir im Verlauf des Artikels noch sehen werden. Das Gegenteil zur Stadtflucht ist die Landflucht, auch “Verstädterung” oder “Urbanisierung” genannt. Unter Landflucht versteht man die Ausbreitung der städtischen Lebensform und die Zuwanderung aus ländlichen Regionen in die Kernstädte.

Das Leben in den Metropolen ist kaum noch bezahlbar

Sehnen wir uns aber wirklich einfach nur nach Ruhe und mehr Grün? Ist das Land zum neuen Sehnsuchtsort pandemiegeplagter Städter geworden?

Stadtflucht und der Trend in Richtung Umland und Speckgürtel lassen sich in den Metropolen schon längere Zeit beobachten. Dabei zieht es besonders junge Familien in die Vororte und das ländliche Umland größerer Metropolen. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass das Leben auf dem Land insbesondere Familien mit Kindern viele Vorteile bringen kann. Einfach die Terrassentür zu öffnen und die Kinder im Garten spielen zu lassen anstatt den überfüllten Spielplatz der Großstadt zu besuchen klingt natürlich verlockend. Der Umzug vieler Familien in ländliche Regionen und Vororte ist jedoch wohl zu einem großen Anteil den hohen Immobilienpreisen in den Ballungszentren geschuldet. Für viele sind die Mieten und Kaufpreise in den Großstädten kaum noch bezahlbar, denn während die Immobilienpreise in den letzten Jahren rasant gestiegen sind, blieben die Gehälter nahezu gleich. Ein Umzug auf das Land dient daher vor allem der Verbesserung der Lebensqualität. Die Boden- und Wohnpreise sind im Umland deutlich günstiger, sodass Familien sich oftmals nur hier den Traum vom Eigenheim noch erfüllen können. Kurz und knapp: Auf dem Land bekommen Sie einfach mehr für Ihr Geld. Darüber hinaus ist die bessere Umwelt- und Luftqualität heutzutage für viele Menschen ein weiterer wichtiger Faktor.

Der Trend zur Stadtflucht ist nicht nur der Sehnsucht nach Natur geschuldet, sondern auch den hohen Immobilienpreisen in den Ballungszentren.

Herausforderungen für das Land

Ein zunehmender Trend in Richtung Land könnte die Dörfer und ländlichen Regionen in Deutschland vor einige Probleme stellen. Durch die jahrelange Abwanderung der Bevölkerung auf dem Land gibt es hier vor allem infrastrukturell große Defizite. Schlechte Infrastruktur, eine zunehmend ältere Bevölkerung und wenige Arbeitsplätze sind nur einige dieser Probleme.

Damit also nicht nur die Speckgürtel der Metropolen sondern auch die weiter abgelegenen Dörfer und ländlichen Regionen von einer Stadtflucht profitieren, braucht es eine gute Infrastruktur und weitreichende Investitionen. Schlechte Internetverbindungen, unzureichende Verkehrsanbindungen, fehlende Freizeitangebote und Bildungseinrichtungen sind schlicht und einfach nicht attraktiv.

Die Digitalisierung gilt mitunter als treibender Faktor für die heutige Stadtflucht. Die Arbeit im Homeoffice ermöglicht es den Menschen etlicher Berufsgruppen dezentral zu arbeiten. Allerdings profitiert bislang nur das nähere Umland der Großstädte von der durch die Digitalisierung ausgelösten Stadtflucht, weil hier die Internetverbindungen stabil genug sind, um das Arbeiten im Home-Office zu ermöglichen. Sehr ländlich gelegene Regionen haben bekanntlich bis heute mit einer mangelhaften Netzabdeckung zu kämpfen.

Welche Folgen hat die Stadtflucht für unsere Städte?

Es sind massive ökologischen Folgen zu erwarten, wenn sich das Verkehrsaufkommen in den Innenstädten weiter erhöht.

Die Städte sind in Deutschland bislang der wirtschaftliche und soziale Mittelpunkt von mehr als 75 Prozent der Bevölkerung. Mit der zunehmenden Stadtflucht werden auch die Städte vor Herausforderungen gestellt werden. Sollte sich der Trend zur Landflucht wirklich dauerhaft umkehren, werden mit zunehmender Abwanderung der Bevölkerung auch Betriebe und Unternehmen aus den Kernstädten in das Umland abwandern. Nicht nur Wohngebäude sondern auch Geschäftsflächen könnten dann leerstehen.

Trotz sinkender Bevölkerungszahlen könnte sich darüber hinaus das Verkehrsaufkommen in den Städten noch weiter erhöhen, was wiederum massive ökologische Folgen hätte. Die ohnehin schon vielerorts schlechte Luftqualität, eine der Hauptursachen für die Stadtflucht, könnte sich dann durch die starke Zunahme von Abgasen und Feinstaub in den Städten noch weiter verschlechtern. Es ist nämlich davon auszugehen, dass Familien, die im Umland leben und arbeiten, trotz allem regelmäßig den Weg in die Stadt auf sich nehmen werden, um das dortige Freizeit- und Kulturangebot weiterhin zu nutzen. Anstelle des Fahrrads oder auch der öffentlichen Verkehrsmittel würde vermehrt das Auto genutzt werden.

Fazit

Ob sich der Trend von der Landflucht zur Stadtflucht entwickelt hat und diese Entwicklung anhält, bleibt abzuwarten. Die Entwicklungen zeigen jedoch, nicht zuletzt auch durch die Corona-Krise bewirkt, eine merkliche Zunahme der Stadtflucht. Umzüge in das Umland, vor allem in die Speckgürtel der Metropolen, lassen sich allerdings bereits seit Jahren beobachten. Die steigenden Immobilienpreise, die vielerorts bereits ihr absolutes Top-Niveau erreicht haben, führen schon seit Jahren zu unfreiwilligen Umzügen auf das Land. Fakt ist hingegen auch, dass nie mehr Menschen in Ballungszentren gelebt haben als heute, dass die Immobilienpreise aufgrund der hohen Nachfrage nach wie vor steigen und die Leerstandsquoten so niedrig sind wie nie zuvor.

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