Der Minimalismus: Das steckt tatsächlich hinter dem Social Media Trend

Der Minimalismus übernimmt die Sozialen Medien im Sturm

Wir kennen sie alle, die sauberen, blank polierten Instagram-Wohnungen mit schlichten, aber dennoch eleganten Möbeln. Sind das auch die Bilder, die Ihnen beim Wort Minimalismus in den Sinn kommen? Ja, der Minimalismus beinhaltet den Architektur- und Designtrend, der die sozialen Medien im Sturm übernimmt. Jedoch ist die Ästhetik nur ein Bruchteil von dem, was den Minimalismus eigentlich ausmacht: Ein Lebensstil, eine soziale Ausrichtung, ein Ausdruck dessen, was die praktizierenden Menschen von der Gesellschaft und der Welt glauben.

Mittlerweile ist der Minimalismus zu einem globalen Supertrend geworden. Jedoch stellt sich immer wieder die Frage, wie gut und wie „machbar“ der Minimalismus tatsächlich ist. Kann der Minimalismus von jedem ausgeübt werden, oder steckt eigentlich mehr dahinter? Ist der Minimalismus so selbstlos und nachhaltig, wie er dargestellt wird?
In diesem Artikel decken wir auf, ob weniger tatsächlich mehr ist – oder ob das alles nur ein Schein ist.

Minimalismus: Weit mehr als nur Ästhetik

Sehen Sie es vor sich: Schneeweiße Möbel vor einer sauberen, weißen, undekorierten Wand. Ein polierter Holzboden, auf dem nur die nötigsten Möbel in skandinavischem Stil stehen. Ein stimmiges, einladendes Gesamtbild. Kein anderer Wohntrend hat die Sozialen Medien so stürmisch übernommen wie der Minimalismus. Hinter dem eleganten und verführerischen Designtrend steckt weit mehr. Eine ganze gesellschaftliche Haltung und Ausdrucksweise verbergen sich hinter den eindrucksvoll inszenierten Instagram Bildern.

Der Minimalismus als Lebensstil entstand als eine Art Gegenbewegung zum Konsumwahn und Materialismus der heutigen Gesellschaft. Er basiert auf der Erkenntnis, dass ein Leben mit nur den unentbehrlichsten aller materiellen Dinge einen Menschen freier, glücklicher und rundum zufriedener machen können. Logisch ist der Gedanke allemal, denn wer wenig besitzt, muss sich auch um weniger Sorgen machen.

Der Minimalismus ist eine Gegenbewegung zum Konsumwahn der heutigen Gesellschaft

Weniger Dinge besitzen ist für uns Deutsche aber gar nicht so einfach. Jeder Deutsche besitzt rund 10.000 Dinge, und kauft sich wöchentlich mehr und mehr. Nie haben wir genug. Der Minimalismus ist ein klares Statement: Konsum macht nicht glücklich. Menschen, die diese Lebensweise ausüben, entscheiden sich bewusst gegen übermäßiges Kaufen, trennen sich von eigentlich unwichtigen, materiellen Dingen, um freier und fokussierter das Leben genießen zu können. Ziel ist, auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu achten und sich auch mal über die kleinen, alltäglichen Dinge freuen zu können.

Denken Sie einmal an die Dinge, die sie nur besitzen, nur weil Sie diese vielleicht irgendwann doch noch nutzen könnten. Wer weiß, vielleicht findet das Familientreffen ja doch noch statt, an dem Sie die die alten Porzellanteller Ihrer Großtante benutzten können? Lieber behalten, als es am Ende zu bereuen, sie verschenkt oder verkauft zu haben. Der Minimalismus lehrt einem das Vertrauen, das Loslassen. Man lernt, alles auszublenden, was vielleicht sein oder passieren könnte, und lernt stattdessen im Jetzt und Hier zu leben.

Nicht nur eine Erfindung der Neuzeit

Der Minimalismus ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Schon immer haben bestimmte Menschengruppen versucht, Entfaltung zu finden, indem Sie sich von allem irdischen Ballast trennten. Bereits in der Antike predigten griechische Stoiker die Einfachheit und Nonnen und Mönche aus dem christlichen, buddhistischen und shintoistischen Glauben lebten ohne Hab und Gut.

Der Minimalismus als Designelement fand seinen Ursprung als Gegenbewegung zum Expressionismus. Statt aufwändiger Gemälde wollten Künstler nun einfache Bilder aus wenigen Farben und Formen schaffen. Auch in uralten, traditionellen japanischen Häusern und Tempeln finden sich minimalistische Gestaltungselemente wieder.

Neuen Aufschwung erhielt der Minimalismus-Trend wie wir ihn heute kennen im Jahre 2018, unter der bekannten Japanerin KonMari, auch bekannt als Marie Kondo. Ihr Buch zum Thema „Aufräumen“ wurde in Japan 1,3 Millionen Male gekauft und beschreibt eine Aufräummethode, die auf uralten shintoistischen Philosophien basiert.

Auf das Wichtigste beschränken: So zeichnet sich der Lifestyle aus

Im Kern ist der Minimalismus nach Marie Kondo also ganz einfach: Sie beschränken sich auf das Nötigste und finden heraus, was Ihnen im Leben wichtig ist. Durch den Minimalismus haben Sie die einmalige Chance zu lernen, wie wenig Sie tatsächlich für ein glückliches Leben brauchen. Jeder Artikel, den Sie behalten, soll positive Gefühle wecken. Tut er das nicht, ist es ganz einfach: Er kommt einfach weg. Aus dem Auge, aus dem Sinn.

Lust bekommen? In diesem Artikel können Sie nachlesen, wie Sie am besten beim Ausmisten vorgehen.

Durch den Minimalismus kann man lernen, was im Leben wirklich ist

Fangen Sie erstmal mit dem Ausrangieren an, werden Sie schnell merken, wie viele Dinge sowieso nur unnötig verstauben. Diese Sachen können Sie spenden oder sogar auf Flohmärkten verkaufen. Je weniger Gegenstände Sie besitzen, desto schneller geht das Aufräumen und Putzen, Sie haben weniger Stress, mehr Geld und leben durch Ihren zurückgeschraubten Konsum sogar auch noch ökologisch nachhaltiger. Was gibt es denn nicht zu lieben?

Das alles ist jedoch leichter gesagt als getan. Denn das wahre Problem kommt erst nach dem Ausmisten. Minimalistisch bleiben ist oft weit schwerer, als minimalistisch zu werden, wenn wir jede Minute mit verlockenden Werbungen, neuen Gegenständen und Sonderpreisen bombardiert werden. Eine gute Regel: Für jeden neuen Gegenstand, den Sie kaufen, muss ein altes Objekt weg. Es gehört also auch einiges an Disziplin zum Minimalismus dazu.

Wichtig ist und bleibt jedoch, dass Sie nicht zu streng mit sich sind. Wir Menschen tendieren dazu, Dinge, auf die wir uns stark fokussieren, zu übertreiben. Musterbeispiele sind Arbeit, Diäten, aber auch der Minimalismus kann schnell zum Zwang werden. Jeder Mensch hat seine eigene Definition von Minimalismus. Von heute auf morgen wird ein totaler Shopaholic seine Leidenschaft nicht aufgeben und absolut konsumbeschränkt leben. Jeder Mensch weiß individuell für sich, wie viel für ihn wichtig und nötig ist. Was für einen überflüssig erscheint, ist für den anderen wichtig.

Schon überzeugt? So sieht minimalistisches Wohnen wirklich aus

Der Minimalismus muss ganz und gar nicht langweilig sein

Minimalismus muss nicht langweilig sein. Eine minimalistische Wohnung soll in erster Linie ein Zufluchtsort sein, der nicht vom Wesentlichen ablenkt. So sind Sie produktiver und haben nur das um sich herum, was Sie glücklich macht. Deshalb ist es immer sehr wichtig, nicht alles auf einmal wegzugeben. Kleine Schritte sind oft besser. Trennen Sie sich zu schnell von allem, bereuen Sie es am Ende und müssen es für teures Geld nachkaufen.

Damit Ihre Wohnung nicht unpersönlich und kalt wird, achten Sie beim Einrichten und umdekorieren vor allem auf eine stimmige Farbpalette. Weiß, Grau und Beige sowie deren Zwischentöne wirken beruhigend und lassen den Raum größer erscheinen. Anstatt bestimmte Elemente mit knallbunten Farben hervorzuheben, experimentieren Sie mit verschiedenen Texturen.

Halten Sie Ihre Dekoration in Maßen und behalten Sie nur die Deko-Elemente, die wirklich nötig sind. Die Wände sollten größtenteils freigehalten werden. Haben Sie ein bestimmtes Lieblingsbild, von dem Sie sich absolut nicht trennen wollen, können Sie es natürlich behalten. Achten Sie aber unbedingt auf einen schlichten, einfachen Rahmen.

Kleinkram sollte nicht verstreut herumliegen. Ein loser Geldbeutel oder Kleidungsstücke, die auf dem Boden liegen, zerstören das stimmige Gesamtbild. Alles sollte einen Platz haben und gut aufbewahrt werden.

 Damit ihre Wohnung nicht unpersönlich und kalt wird, achten Sie beim Einrichten und umdekorieren vor allem auf eine stimmige Farbpalette

Minimalistische Möbel sind schlicht gehalten. Sie haben beispielsweise keine Schnörkel oder aufwändige Verzierungen. Auch bei Möbeln gilt es, nur die zu behalten, die Sie wirklich brauchen. Niemand braucht drei Kaffeetische und auch nicht zehn verschiedene Kissen auf dem Sofa. Jeder unnötige Add-on wird weggelassen. Denken Sie aber immer dran: Dies ist keine Pflicht, sondern Sie befreien sich von unnötigem Ballast.

Doch wo liegt nun die Grenze zwischen „brauchen“ und „nicht brauchen“. Wann ist etwas wichtig, wann nicht? Schnell kann sich der Wunsch nach Unbeschwertheit in etwas anderes entwickeln: Eine Obsession.

Ist der Minimalismus überhaupt minimalistisch

„The cult of Less“ ist ein Experiment des Programmierers Kelly Sutton. Im Internet und für die ganze Welt beobachtbar versuchte er, mit so wenigen Gegenständen wie nur möglich zu leben. Zum Schluss konnte er all sein Hab und Gut in zwei Kartons aufbewahren.

Der Wunsch nach Freiheit und Unbeschwertheit kann süchtig machen. Wir Menschen neigen dazu, Dinge oft bis in die Extreme zu führen. Spätestens wenn der Gedanke an den Kauf eines neuen Gegenstandes Angstgefühle auslöst oder bei jedem Gegenstand ernsthaft nachgedacht werden muss, ob er wirklich, absolut notwendig ist, ist der Minimalismus zu weit gegangen. Ist der Minimalismus dann noch minimalistisch? Ist der eigentliche Sinn hinter dem Lebensstil nicht das Vereinfachen des Lebens und des Entfernens materieller Zwänge? Soll der Minimalismus nicht befreien, anstatt noch mehr Zwänge und Regeln in unserem Leben hervorzurufen? Schließlich ist das Ziel des Minimalismus ein bewusster, nachhaltiger Konsum von Gütern. Es geht darum, seinen Fokus von materiellen Gegenständen weg auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken. Doch wenn sich das ganze Leben nur noch darum dreht, so wenig wie möglich zu kaufen und zu besitzen, liegt der Fokus erneut auf materiellen Gegenständen. Wenn man es vorher mit viel zu viel kaufen übertrieben hat, versucht man nun so wenig wie nur möglich zu besitzen.

Der Minimalismus soll uns befreien, nicht noch mehr Zwänge in unserem Leben hervorrufen.

Dies widerspricht dem Grundgedanken der Bewegung und ist nicht mehr das, was der Minimalismus eigentlich sein sollte. Anstatt dass der Minimalismus befreit, wird er zur Pflicht, jeder Gedanke dreht sich um das Eigentum und welcher Gegenstand als nächstes entfernt werden muss. Es stellt sich ebenfalls die Frage, wie nachhaltig der Minimalismus tatsächlich ist. Wie umweltfreundlich ist es in der Realität, plötzlich Dinge wegzuwerfen, zu verschenken und zu verkaufen, die eigentlich brauchbar wären. Wäre es nicht nachhaltiger, die Objekte zu behalten, anstatt es zum Schluss ohnehin wieder für teures Geld nachkaufen zu müssen?

Wie ernst nehmen wir die wahre Philosophie hinter den schicken Instagram Bildern? Auf den sozialen Medien wird oft ein falsches Bild vom Minimalismus vermittelt, dass nur den Architektur- und Designstils der Bewegung beinhaltet. Der Minimalismus ist zu einem Trend geworden, der schlicht und einfach zweckentfremdet worden ist. Wo vorher Schuhe, Handtaschen oder schöne Deko-Elemente gesammelt worden sind, sammelt man nun auf den sozialen Medien Klicks und Likes für den „nachhaltigen“ Lebensstil.

Kritiker beschreiben den Minimalismus als eine Bewegung für die Wohlhabenden. Wer wenig hat, wünscht sich mehr. Menschen, die sich nichts leisten können und nicht wissen, wo die nächste Mahlzeit herkommt klopfen sich nicht selbst dafür auf die Schulter, sich nicht das neuste zu kaufen. Nur Menschen, die tatsächlich viel haben können, können sich stolz fühlen, nicht dem Werbewahn unterwürfig zu sein.

Ist der Minimalismus nun gut oder schlecht?

Ob Minimalismus nun gut oder schlecht ist, kommt ganz darauf an, wie er praktiziert wird. Natürlich kann auch der Minimalismus zu einer schlechten Begebenheit werden, wenn er aus den falschen Gründen oder zu obsessiv ausgeführt wird, aber so ist es mit jeder Lebensweise. Der Grundgedanke hinter der Bewegung ist es, sich über seinen Konsum bewusst zu werden. Es bedeutet nicht, möglichst wenig zu besitzen, sondern einfach die richtigen Sachen. Was nun richtig ist, hat jeder Mensch selbst herauszufinden, denn jeder Mensch ist individuell und hat seine persönlichen Prioritäten. Anstatt den Minimalismus als einen vorgeschriebenen Fahrplan zu sehen, sollten Sie selbst herausfinden, wie Sie dem Minimalismus Ihre persönliche Bedeutung geben. Sie brauchen auch auf nichts verzichten. Wenn Sie einfach darauf achten, nachhaltig und bewusst zu konsumieren, ist die Hälfte schon getan.

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